Forschungszentrum Hermeneutik und Kreativität

Prof. Dr. Tinka Reichmann, Translationswissenschaft - Universität Leipzig
Prof. Dr. Alberto Gil, Romanische Übersetzungswissenschaft - Universität des Saarlandes
Geschäftsführung: Dr. Larisa Cercel

Leitung: StR Dr. Dr. Christian Hild

Aktuelles

 

Die derzeitige Gemengelage von Pluralisierung, Globalisierung, Individualisierung und Säkularisierung zeigt Auswirkungen auf das Verständnis der christlichen traditio: die facettenreiche Überlieferung von christlichen Symbolen, Begriffen, Riten, Gesten, deren Formen der Lehre und deren Verkündigung stößt bei einem Großteil der Bevölkerung im Zuge einer Enttraditionalisierung auf Unverständnis in zweifacher Hinsicht: Zum einen verstehen weite Teile der Bevölkerung die christliche traditio nicht mehr, zum anderen fehlt es diesen an einem diesbezüglichen Sprachrepertoire, um einen Verstehensprozess einzuleiten. Der Begriff der traditio wird bewusst – im Unterschied zur Tradition – gewählt, da er aufgrund seiner Polysemiotizität das Traditionsgut, den Traditionsakt, die Tradenten und die Akzipienten subsumiert.

Auf das Prinzip von Hermeneutik und Kreativität gewendet, erwachsen hermeneutische Impulse aus der Übersetzung der christlichen traditio auf zwei Ebenen: Zum einen richtet sich der Blick auf die im Alltag begegnenden gesellschaftlichen, zeitlichen und kulturellen Überformungen bzw. Übersetzungen der christlichen traditio. Ein derartiges Prisma eröffnet die Möglichkeit weiterführender Interpretationen der christlichen traditio als Einflussfaktor auf die Kultur und als ein von der Kultur geprägtes Symbolsystem.

Zum anderen stellen sich die Fragen, welche Aspekte der christlichen traditio auf den Ebenen des Religionsunterrichts und des Gottesdienstes so übersetzt werden können, dass sie auch von christlich nichtsozialisierten, anders- und nichtreligiösen Bevölkerungsgruppen verstanden werden können, und welche hermeneutischen Impulse im Umkehrschluss aus derartigen Übersetzungen für die christliche traditio freigelegt werden können.

Dieser Forschungsschwerpunkt bietet Grundlagenarbeit für die oben genannten zwei Ebenen bezüglich einer allgemeinen Überwindung der Distanz zwischen der christlichen traditio und der Alltagswelt bzw. auf die hermeneutischen Impulse, die aus derartigen Übersetzungen hervorgehen und neue Interpretationsmuster für die christliche traditio freilegen, im speziellen Blick auf:

  1. die in Religionsunterricht und Gottesdienst anzuleitende Übersetzung von christlichen Symbolen, Bildern, Sprachformen, Gesten, Begriffen und Sprachformen,
  2. die biblischen Texten inhärente Performanz.

Ad 1) 

Die der christlichen traditioeigentümlichen Ausdrucksformen sind – besonders für Kinder und Jugendliche – fremd; im Blick auf die ihr eigentümliche Sprache spricht man in der Religionspädagogik von einer Art „Fremdsprache“ (Altmeyer 2018, 192), die sich durch einen für Schülerinnen und Schüler nicht mehr bekannten Wortschatz, Syntax und Metaphorik auszeichnet. Diesbezüglich belegt die im Jahr 2016 vorgestellte Sinus-Studieüber die Lebenswelten der 14- bis 17-jährigen Deutschen, „dass vielen Jugendlichen die kirchlichen Begrifflichkeiten fremd oder restriktiv erscheinen“ (Calmbach/Borgstedt 2016, 357–358).

Dieser Befund darf jedoch nicht von vornherein mit einem Verschwinden der Religion per se aus der Gesellschaft gleichgesetzt werden; die Studie belegt zugleichdie Offenheit Jugendlicher gegenüber anderen Religionen und die subjektive Religiösität ein einen festen Bestandteil des Alltagslebens.Bereits im Jahr 2001 hat Jürgen Habermas eine Sensibilität religiöser und säkularer Bürger im Blick auf die Sprache des anderen postuliert; die Gesellschaft als eine Kommunikationsgemeinschaft bedürfe dringend diesbezüglicher Übersetzungsprozesse.In der gegenwärtigen Religionspädagogik ist der Begriff der Übersetzung als intralinguale Übertragung „von fachbezogenen Sprachwelten in die Sprachwelt der Schüler“ (Pirner 2015, 65) virulent; diskutiert werden unterschiedliche Herangehendweisen an für den Religionsunterricht spezifischen Übersetzungsgegenstand, -kriterien und -ziel.Im Blick auf das komplexe Verhältnis von Theologie und Sprache sei auf das Forschungsfeld der „Theolinguistik“ als eine Art Bindeglied zwischen Theologie und Linguistik verwiesen. Durch ein linguistisches – genauer: soziolinguistisches bzw. varietätenlinguistisches – Prisma betrachtet, stuft die Theolinguistik die Sprache der Theologie als eine Sprachvarietät ein („Theolekt“).

Literatur zu intralingualen Übersetzungsprozessen christlicher traditio von 2018 – 1976 (mit Schwerpunkt: religiöse Kommunikation, Sprache und deren Übersetzung)

 

Ad 2)

Gewendet auf die Heilige Schrift, subsumiert der Begriff der Schriftinszenierung im Allgemeinen das Verhältnis von Unterricht zu den mehrdeutigen, polyvalenten Schrifttexten; im Speziellen richtet sich der Blick auf die unterrichtliche Lektüre, Auslegung und kreative Fortschreibung biblischer Texte (bes. Roth/Seip 2016). Besonders zu dem letztgenannten Punkt sind intralinguale Übersetzungsprozesse in einem hermeneutischen Verständnis zu zählen; biblische Texte, und auch die ihnen inhärente Sprache der Religion, werden also verstehbar, indem sie in unterschiedliche Formen einer Inszenierung gegossen und damit übersetzt werden.

Für eine konzise Betrachtung der Komplexität der Schriftinszenierungen mit einem Blick auf diesbezügliche intralinguale Übersetzungsprozesse erweist sich eine Differenzierung in zwei Ebenen als förderlich: Erstens die den biblischen Geschichten innewohnende „Lebendigkeit“ (a), zweitens die Inszenierung des lebendigen Worte im Speziellen bzw. der lebendigen Texte im Allgemeinen in der Predigt und im Religionsunterricht (b, mit Konnex zu der oben angeführten 1. Ebene).

Literatur zur Performanz in biblischen Texten und im Gottesdienst

 

 

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