Forschungszentrum Hermeneutik und Kreativität

Prof. Dr. Tinka Reichmann, Translationswissenschaft - Universität Leipzig
Prof. Dr. Alberto Gil, Romanische Übersetzungswissenschaft - Universität des Saarlandes
Geschäftsführung: Dr. Larisa Cercel


Da Europa eine geistige Realität, eine „Idee“ gewesen ist, muß anerkannt werden, daß es

(…) aus ganz bestimmten kulturellen und geistigen Wurzeln entstanden ist. An erster Stelle
die griechische Kultur, an zweiter Stelle die christliche Botschaft und an dritter Stelle die
große wissenschaftlich-technische Revolution.“


„Griechische und römische Antike, Judentum und Christentum (in gewissem Maße auch der
Islam) – Aus dieser synthetischen Vermittlung
ist die Europäische Kultur entstanden.“

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Giovanni Reale, Kulturelle und geistige Wurzeln Europas. 

 

Konzept: Patrick Poppe M. A.

Eine sogenannte islamische Herausforderung Europas ist kein singulärer Zustand der Moderne, sondern lässt sich vielmehr epochenübergreifend an vielen Krisenmomenten in der Geschichte Europas nachweisen und untersuchen. Hierbei sticht jedoch gerade ein Ereignis aufgrund seiner Tragweite, Rezeption und Bedeutung für das Europa der Moderne heraus – der Fall von Konstantinopel am 29. Mai 1453 und die anschließende Ausbreitung des Osmanischen Reiches in Europa. Für die zeitgenössischen Humanisten bildete neben der maßgeblichen christlichen Identität auch diese Verwurzelung in der Gelehrtenkultur und politischen Gedankenwelt der Antike ein elementares Strukturmerkmal Europas. Als ideelles Entstehungskonzept fungierte hierbei jeweils ein Verständis einer translatio studii, translatio imperii wie auch einer translatio religionis:

Durch die Christianisierung sei in der Vergangenheit das Christentum aus Asien nach Europa übertragen und dort zunächst in Rom und dann in Konstantinopel zur Blüte und Vollendung geführt worden. Durch die für die Humanisten nun allgegenwärtige Wiederentdeckung des antiken Gedankenguts in der Renaissance strömte erneut das antike griechisch-hellenistische Wissen von Griechenland (Konstantinopel) und Asien nach Rom, wo es seine Übertragung und Vollendung erfuhr, um sich in ganz Europa zu verbreiten. Nach dem Fall Konstantinopels sahen sich benannte europäischen Humanisten vor die Herausforderung gestellt, die Osmanen und den Islam in diese Translationskonzepte, in diese translatorischen Wege und Weltentwürfe zu integrieren.

 

Aufsätze zur Thematik:

  • `Europa ex translatione?´ –Ideengeschichtliche Überlegungen zu den translatologischen Grundlagen Europas (In Vorbereitung)

 

Weiterführende Literatur:

    • Balivet, Michel: Pour une concorde islamochrétienne. Démarches byzantines et latines à la fin du Moyen-Âge (de Nicolas de Cues à Georges de Trébizonde). Rom 1997.
    • Garber, Klaus: Die Friedens - Utopie im europäischen Humanismus: Versuch einer geschichtlichen Rekonstruktion, in: MLN 101 (1986). S. 516-  552.
    • Gründer, Mirko: Liebe deine Feinde! Turkophilie im 15. Jahrhundert, in: Deecke, Klara / Drost, Alexander (Hgg.): Liebe zum Fremden. Xenophilie  aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Berlin 2010. S. 67-85.
    • Figl, Johann: Philosophie der Religionen. Pluralismus und Religionskritik im Kontext europäischen Denkens. Paderborn u. a. 2012
    • Flasch, Kurt: Der Papst schreibt an den Sultan: Pius II. an Mohames II. im Jahre 1461. Basel 2011.
    • Hankins, James: Renaissance Crusaders. Humanist Crusade Literature in the Age of Mehmed II., in: Dumbarton Oaks Papers 49 (1995). S. 111-  207.
    • Höfert, Almut: Den Feind beschreiben. Türkengefahr und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450 - 1600. Frankfurt a. M./ New York 2003.
    • Höfert, Almut: Die “Türkengefahr” in der Frühen Neuzeit, in: Schneiders, Thosten G. (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden 2009. S. 61-70.
    • Kelly, Douglas: Translatio studii. Translation, Adaptation, and Allegory in Medieval French Literature, in: Philological Quarterly 57 (1978). S. 287-310
    • Mertens, Dieter. Europäischer Friede und Türkenkrieg im Spätmittelalter, in: Duchhardt, Heinz (Hg.): Zwischenstaatliche Friedenswahrung inMittelalter und Frühe Neuzeit. Köln u. a. 1991. S. 43-90.
    • Meserve, Margaret: From Samarkand to Skythia: Reinventions of Asia in Renaissance Geography and political Thought, in: Martels, Zweder von / Vanderjagt, Arjo (Hgg.): Pius II. `El Più expeditivo Pontifice`. Leiden 2003. S. 13-39.
    • Schwoebel, Robert: The shadow of the crescent. The Renaissance image of the turk. Nieuwkoop 1967.
    • Worstbrock, Franz Josef: Translation Artium. Über die Herkunft und Entwicklung einer kulturhistorischen Theorie, in: Archiv für Kulturgeschichte 47 (1965). S. 1-2.

 

Öffentliche Vorträge Poppe (aktuell)

  • SoSe 2013 (Oktober): "Translatio pacis et concordiae" Friedens- und Eintrachsappelle, ihre Übersetzung und Verbreitung im frühneuzeitlichen Europa (Rahmen: Internationale Tagung 2013: Rhetorik in Europa Konvergenz und Divergenz in der Entwicklung)
  • SoSe 2013 (Mai): „In eine Ecke Europas getrieben...?“ Von der mittelalterlichen Christanitas zum frühneuzeitlichen Europa“ (Rahmen: Ringvorlesung im Theater im Viertel: Christliches Europa? Beiträge zu einem umstrittenen Konzept)
  • SoSe 2013 (Februar): `differe – transferre – translatio´ Translationsdiskurse europäischer Humanisten im Kontext des Falls von Konstantinopel (Rahmen: Forschungszentrum Hermeneutik und Kreativität)

 

 

 

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