Hermeneutik und Kreativität

Forschungszentrum des Lehrstuhls für Romanische Übersetzungswissenschaft
Prof. Dr. Alberto Gil, Universität des Saarlandes

3. Übersetzung als translatio studii

Bibliographie zur translatio studii

 

Konzept: StR Dr. Christian Hild

Die Begeisterung für die Antike kommt im Laufe der Geschichte immer wieder hoch, auch wenn sie zeitweise - nicht zuletzt in unserer Zeit - der Vergessenheit anheim fällt. Der Grund dieser Renaissancen ist ihr innewohnender Humanismus, mit allen seinen Irren und Wirren, aber auch mit allen seinen Vorzügen. Und dazu kommt, dass unsere Literatur, Kultur und Sprache aus Athen und Rom sowie aus der jüdisch-christlichen Tradition bewusst oder unbewusst schöpft. Es lohnt sich, in vielen Fällen die Verbindungslinien, den translatorischen Weg, den unsere Kulturgüter zurückgelegt haben, nachzuzeichnen und dadurch ihre tieferen Schichten frei zu legen.

Dieser Ansatz ermöglicht den Zugang zu weiteren Forschungsprojekten:
 
1: Übersetzung als Mittel der translatio religionis am Beispiel von Translaten im Zeitalter der Reformation.
Martin Luthers reformatorische Entdeckung leitete ein neues Verständnis von Gott und Freiheit ein, das sich in zahlreichen Schriften niederschlug. Beflügelt durch den Buchdruck, konnte das Gedankengut viele Adressaten erreichen, die eigene Positionen entwickelten oder die, als Vertreter der altkirchlichen Positionen, dagegen polemisierten.
Die Werke wurden überwiegend in Latein verfasst. Um eine rasche geistige Wende herbeizuführen, strengten Reformatoren jeweils auch eine deutsche Ausgabe an, die entweder von ihnen selbst oder von auftragsgebundenen Übersetzern oder von anderen Gönnern angefertigt wurde. Durch die theologische Füllung erwarben manche Begriffe einen theologischen Status. Beim Studium der übersetzten Werke erkennt man eine doppelte Funktion des Translats: eine Treue zum Originaltext unverfälscht zu halten und divulgatorisch bzw. proselytistisch zu wirken.
Eine Übersetzung ins Lateinische hingegen zielte auf das Erreichen eines europäischen Adressatenkreisen, um das reformatorische Gedankengut überregional bekannt zu machen.
Bekannt ist, dass die Übersetzungen auch als Folie für die theologische Position des Übersetzers dienten. So ist Justus Jonas‘ (1493–1555) Übersetzung von Luthers De servo arbitrio fast doppelt so umfangreich; um die Intention verstehbar zu machen, ergänzt er eigene oder fremde Gedanken, abhängig vom jeweiligen Kontext. Georg Major (1502–1574) hingegen legte bei seinen Übersetzungen von Schriften Martin Luthers und Philipp Melanchthons Wert auf das delectare.
Im Fokus der Untersuchung steht Leo Jud (1482–1542), Pfarrer in Einsiedeln und Zürich, der zu den treibenden Kräften der Zürcher Reformation gehörte. Seinen Bekanntheitsgrad im oberdeutschen Raum erwarb er sich nicht nur durch die Nähe zu Huldrych Zwingli, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, sondern besonders durch seine Übersetzungen: Dazu zählen 35 Werke von prominenten Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts, wie z.B. Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger.Dabei fügte er oftmals eigene Gedanken hinzu, veränderte die Syntax oder ließ ganze Textpassagen aus.
Die Beispiele von Justus Jonas und Georg Major zeigen auf, dass die Übersetzungen zu jener Zeit als Weg der translatorischen Studien untersucht werden sollten, um diesen Werken gerecht zu werden. Mit anderen Worten lautet die Frage, welche Funktion diese Übersetzer im Bereich der translatio religionis ausübten.
Hier setzt die vorliegende Arbeit an: Reformatorisches Gedankengut wurde vielfach übersetzt, jedoch fehlen ausführliche Untersuchungen über den Einfluss des jeweiligen theologischen Standpunkts auf die Arbeit des Übersetzers und über die zeitgenössische Auswirkung des neu entstandenen Werks. Durch einen Vergleich des Originals mit der Übersetzung soll das theologische Verständnis des Interpreten freigelegt werden. Die dafür notwendigen Indikatoren stellen in der vorliegenden Arbeit Analysen zu konkreten theologischen Begriffen dar. Als Originaltexte dienen Werke von Martin Luther, Philipp Melanchthon und Huldrych Zwingli, die sowohl von Anhängern und Gegnern ihrer Theologie angefertigt worden sind. Als Vergleich dienen Übersetzungen von Erasmus von Rotterdam, die durch Nicht-Katholiken angefertigt worden sind.
Fragestellungen:
  1. Inwieweit weisen die Übersetzungen inhaltliche Transformationen und begriffliche Besonderheiten auf?
  2. In welchem Verhältnis stehen die Kreativität der Translatoren und deren Theologie?
  3. Besteht ein Unterschied bei theologischen Akzentverschiebungen im Unterschied einer deutschen und einer lateinischen Übersetzung?
  4. Inwiefern werden Bemühungen einer terminologischen Einheitlichkeit in der theologisch-reformatorischen Wissenschaftssprache erkennbar?
  5. Welche Auswirkungen haben die Übersetzungen reformatorischer Schriften auf die zeitgenössische Literatur?
Der vorliegende Ansatz stützt sich somit auf drei Schwerpunkte: theologische, lateinisch-philologische und übersetzungswissenschaftliche, welche in dieser Interrelation ein Desiderat der Forschung darstellen.

Mit anderen Worten: Der translatorische Weg stellt eine Folie dar, auf der zum einen die Kreativität des Übersetzers und zum anderen die Identität der Translatio entfaltet wird, die in der Art eines 'roten Fadens' auch in kleineren Textpassagen erkennbar wird - seien es Paraphrasierungen, Kommentare, Hinzufügungen oder Auslassungen.

Weiterführende Literatur:
  • Arndt, Erwin / Brandt, Gisela, Luther und die deutsche Sprache. Wie redet der Deudsche man jnn solchem fall?, Leipzig 1983.
  • Beyer, M., Georg Major als Übersetzer, in: Dingel, I. / Wartenberg, G. (edd.), Georg Major. Ein Theologe der Wittenberger Reformation, Leipzig 2005 (Leucorea 7), 123-158.
  • Bezzel, Irmgard, Leo Jud (1482–1542) als Erasmusübersetzer. Ein Beitrag zur Erasmusrezeption im deutschsprachigen Raum, in: DVjs 49 (1975), 628-644.
  • Brunnschweiler, Thomas, Zwingli übersetzen, in: Zwingliana 21 (1994), 15-27.
  • Herding, Otto, Die deutsche Gestalt der Institutio Principis Christiani des Erasmus. Leo Jud und Spalatin, in: Fleckenstein, Josef / Schmid, Karl (Hgg.), Adel und Kirche. Gerd Tellenbach zum 65. Geburtstag dargebracht von Freunden und Schülern, Freiburg u.a. 1968, 534-551.
  • Herzog, Urs, Zu Leo Juds Sprache, in: Erasmus von Rotterdam, Ein klag des frydens. Leo Juds Übersetzung der Querela Pacis von 1521 zusammen mit dem lateinischen Original herausgegeben von Alois M. Haas und Urs Herzog, Zürich 1969, 75-80.
  • Kettler, Wilfried, Die Zürcher Bibel von 1531. Philologische Studien zu ihrer Übersetzungstechnik und den Beziehungen zu ihren Vorlagen, Bern 2001.
  • -¾, Trewlich ins Teütsch gebracht. Lateinisch-deutsches Übersetzungsschrifttum im Umkreis des schweizerischen Humanismus, Bern u.a. 2002.
  • Mätzke, Verena, Gerechtigkeit als „fromkeit“. Luthers Übersetzung von iustitia Dei und ihre Bedeutung für die Rechtfertigungslehre heute, Leipzig 2013 (MTHSt 18).
  • Mennecke, Ute, Justus Jonas als Übersetzer – Sprache und Theologie, in: Dingel, Irene (ed.), Justus Jonas und seine Bedeutung für die Wittemberger Reformation, Leipzig 2009 (Leucorea 11), 131-144.
  • Moeller, B., Luther in Europa. Die Übersetzung seiner Schriften in nichtdeutsche Sprachen 1520-1546,in: Schilling, J., (Hg.), Bernd Moeller. Luther-Rezeption, kirchenhistorische Aufsätze, Göttingen 2001, S. 42-56
  • Stolt, Birgit, Wortkampf. Frühhochdeutsche Beispiele zur rhetorischen Praxis, Frankfurt 1974 (Acta Universitatis Stockholmiensis 13).
  • -¾, Luthers Übersetzungstheorie und Übersetzungspraxis, in: Junghans, Helmar (Hg.), Leben und Werk Martin Luthers von 1526 bis 1546. Festgabe zu seinem 500. Geburtstag, Berlin 1983, Bd. 1, 214-252, Bd. 2, 797-800 (Anmerkungen).
  • -¾, Lieblichkeit und Zier, Ungestüm und Donner. Martin Luther im Spiegel seiner Sprache, in: ZThK 86 (1989) 282-305.
  • -¾, Martin Luthers Rhetorik des Herzens, Tübingen 2000.
  • Wyss, Karl-Heinz, Leo Jud. Seine Entwicklung zum Reformator 1519–1523, Frankfurt/Main 1976 (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 61).

 



Da Europa eine geistige Realität, eine „Idee“ gewesen ist, muß anerkannt werden, daß es

(…) aus ganz bestimmten kulturellen und geistigen Wurzeln entstanden ist. An erster Stelle
die griechische Kultur, an zweiter Stelle die christliche Botschaft und an dritter Stelle die
große wissenschaftlich-technische Revolution.“


„Griechische und römische Antike, Judentum und Christentum (in gewissem Maße auch der
Islam) – Aus dieser synthetischen Vermittlung
ist die Europäische Kultur entstanden.“

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Giovanni Reale, Kulturelle und geistige Wurzeln Europas. 

 

Konzept: Patrick Poppe M. A.

Eine sogenannte islamische Herausforderung Europas ist kein singulärer Zustand der Moderne, sondern lässt sich vielmehr epochenübergreifend an vielen Krisenmomenten in der Geschichte Europas nachweisen und untersuchen. Hierbei sticht jedoch gerade ein Ereignis aufgrund seiner Tragweite, Rezeption und Bedeutung für das Europa der Moderne heraus – der Fall von Konstantinopel am 29. Mai 1453 und die anschließende Ausbreitung des Osmanischen Reiches in Europa. Für die zeitgenössischen Humanisten bildete neben der maßgeblichen christlichen Identität auch diese Verwurzelung in der Gelehrtenkultur und politischen Gedankenwelt der Antike ein elementares Strukturmerkmal Europas. Als ideelles Entstehungskonzept fungierte hierbei jeweils ein Verständis einer translatio studii, translatio imperii wie auch einer translatio religionis:

Durch die Christianisierung sei in der Vergangenheit das Christentum aus Asien nach Europa übertragen und dort zunächst in Rom und dann in Konstantinopel zur Blüte und Vollendung geführt worden. Durch die für die Humanisten nun allgegenwärtige Wiederentdeckung des antiken Gedankenguts in der Renaissance strömte erneut das antike griechisch-hellenistische Wissen von Griechenland (Konstantinopel) und Asien nach Rom, wo es seine Übertragung und Vollendung erfuhr, um sich in ganz Europa zu verbreiten. Nach dem Fall Konstantinopels sahen sich benannte europäischen Humanisten vor die Herausforderung gestellt, die Osmanen und den Islam in diese Translationskonzepte, in diese translatorischen Wege und Weltentwürfe zu integrieren.

 

Aufsätze zur Thematik:

  • `Europa ex translatione?´ –Ideengeschichtliche Überlegungen zu den translatologischen Grundlagen Europas (In Vorbereitung)

 

Weiterführende Literatur:

    • Balivet, Michel: Pour une concorde islamochrétienne. Démarches byzantines et latines à la fin du Moyen-Âge (de Nicolas de Cues à Georges de Trébizonde). Rom 1997.
    • Garber, Klaus: Die Friedens - Utopie im europäischen Humanismus: Versuch einer geschichtlichen Rekonstruktion, in: MLN 101 (1986). S. 516-  552.
    • Gründer, Mirko: Liebe deine Feinde! Turkophilie im 15. Jahrhundert, in: Deecke, Klara / Drost, Alexander (Hgg.): Liebe zum Fremden. Xenophilie  aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Berlin 2010. S. 67-85.
    • Figl, Johann: Philosophie der Religionen. Pluralismus und Religionskritik im Kontext europäischen Denkens. Paderborn u. a. 2012
    • Flasch, Kurt: Der Papst schreibt an den Sultan: Pius II. an Mohames II. im Jahre 1461. Basel 2011.
    • Hankins, James: Renaissance Crusaders. Humanist Crusade Literature in the Age of Mehmed II., in: Dumbarton Oaks Papers 49 (1995). S. 111-  207.
    • Höfert, Almut: Den Feind beschreiben. Türkengefahr und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450 - 1600. Frankfurt a. M./ New York 2003.
    • Höfert, Almut: Die “Türkengefahr” in der Frühen Neuzeit, in: Schneiders, Thosten G. (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden 2009. S. 61-70.
    • Kelly, Douglas: Translatio studii. Translation, Adaptation, and Allegory in Medieval French Literature, in: Philological Quarterly 57 (1978). S. 287-310
    • Mertens, Dieter. Europäischer Friede und Türkenkrieg im Spätmittelalter, in: Duchhardt, Heinz (Hg.): Zwischenstaatliche Friedenswahrung inMittelalter und Frühe Neuzeit. Köln u. a. 1991. S. 43-90.
    • Meserve, Margaret: From Samarkand to Skythia: Reinventions of Asia in Renaissance Geography and political Thought, in: Martels, Zweder von / Vanderjagt, Arjo (Hgg.): Pius II. `El Più expeditivo Pontifice`. Leiden 2003. S. 13-39.
    • Schwoebel, Robert: The shadow of the crescent. The Renaissance image of the turk. Nieuwkoop 1967.
    • Worstbrock, Franz Josef: Translation Artium. Über die Herkunft und Entwicklung einer kulturhistorischen Theorie, in: Archiv für Kulturgeschichte 47 (1965). S. 1-2.

 

Öffentliche Vorträge Poppe (aktuell)

  • SoSe 2013 (Oktober): "Translatio pacis et concordiae" Friedens- und Eintrachsappelle, ihre Übersetzung und Verbreitung im frühneuzeitlichen Europa (Rahmen: Internationale Tagung 2013: Rhetorik in Europa Konvergenz und Divergenz in der Entwicklung)
  • SoSe 2013 (Mai): „In eine Ecke Europas getrieben...?“ Von der mittelalterlichen Christanitas zum frühneuzeitlichen Europa“ (Rahmen: Ringvorlesung im Theater im Viertel: Christliches Europa? Beiträge zu einem umstrittenen Konzept)
  • SoSe 2013 (Februar): `differe – transferre – translatio´ Translationsdiskurse europäischer Humanisten im Kontext des Falls von Konstantinopel (Rahmen: Forschungszentrum Hermeneutik und Kreativität)

 

 

 

 

2. Text, Rhythmus und Musik in der Übersetzung <<

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