Hermeneutik und Kreativität

Forschungszentrum des Lehrstuhls für Romanische Übersetzungswissenschaft
Prof. Dr. Alberto Gil, Universität des Saarlandes

Kreatives Verstehen: Sapientia und Sapere

Durch das schöpferische Verstehen erweitert sich die kognitive Tätigkeit, um das Erkannte zu kosten und durch diese Freude an der Sache das weitere und tiefere Erkennen zu fördern. Nikolaus Cusanus bringt dank der semantischen Verwandtschaft zwischen Sapientia und Sapere diesen Vorgang spielerisch zum Ausdruck: “per sapientiam enim et ex ipsa et in ipsa est omne internum sapere” (De Sapientia I, 9): Durch die Weisheit nämlich, aus ihr und in ihr währt jeder innere Geschmack, letztlich das Weisesein.

Ein hilfreiches Instrument für diese Aufgabe ist der rhetorische Begriff des Wohlwollens, der Eunoia (Aristoteles, Rhetorik 1378a 8). Durch diese Tugend gelingt es dem Sprecher, der Sache und dem Menschen die notwendige Ehrfurcht entgegenzubringen, um sie sein zu lassen und sie somit in ihrem Eigensein besser zu erkennen. Die dadurch entstandene Gemeinschaft des Erkennenden mit dem Erkannten verbindet Aristoteles (Nikomachische Ethik 1159b 31-32) mit der Freundschaft (Philia), mit der Liebe zum Erkannten und dadurch mit der Potenzierung des Erkennens. In ihrer tiefsten Dimension besteht die Verbindung von Hermeneutik und Kreativität letztlich darin, der Sache und dem Menschen in Liebe zu begegnen. Liebe “sieht” mehr. Der Respekt vor den in den Übersetzungsprozess eingebundenen Personen und Sachen erfordert eine fundierte Kenntnis über den jeweiligen kulturellen Bezugsrahmen, um einer hinreichenden Identifikation mit dem Text gerecht zu werden.

 

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